Reifen sind die konstitutive Schnittstelle zur Straße
Modul 05Tire MechanicsRevision 1.9.1Status abgeschlossen
Kontakt. Kraftschluss.
Das Fahrzeug kann nur über die Kontaktpatches Längs-, Seiten- und Vertikalkräfte mit der Straße austauschen. Kapitel 01 öffnet die verteilte Kraftentstehung im Kontaktpatch; Kapitel 02 verbindet Radrotation und Fahrzeuggeschwindigkeit über κ mit Fₓ; Kapitel 03 öffnet die laterale Kinematik über α und Fᵧ; Kapitel 04 koppelt die verfügbare Peak-Kapazität nichtlinear an F_z und damit an den Lasttransfer; Kapitel 05 führt Fₓ und Fᵧ innerhalb einer gemeinsamen Combined-Slip-Grenze zusammen; Kapitel 06 ergänzt die endliche räumliche und zeitliche Kraftaufbaudynamik über Relaxation Length σ; Kapitel 07 öffnet zusätzlich Sturzwinkel γ, Camber Thrust und das Reifen-Selbstrückstellmoment Mz; Kapitel 08 ergänzt Temperatur und Druck als explizite thermomechanische Zustandsgrößen; Kapitel 09 öffnet Rolling Resistance, Hysterese, Slip-Energie und die kumulierte Nutzungshistorie; Kapitel 10 führt alle Schichten zu einer transparenten Reifen-Fahrzeugschnittstelle zusammen.
F⃗Kontakt = (Fx, Fy, Fz)
Vorzeichenkonvention dieses Moduls: +x nach vorn, +y nach links. Fz wird als positive vertikale Stützlast-Magnitude geführt. Die Gegenkräfte des Reifens auf die Straße besitzen jeweils entgegengesetztes Vorzeichen.
Modul 05 · Orientierung
Vom Kontaktpatch zur Reifen-Kennbeziehung
Die zehn Kapitel öffnen die Reifenphysik schrittweise: Grundkräfte → longitudinaler Schlupf → Slip Angle → Lastsensitivität → Combined Slip → Relaxation → Camber/Mz → thermischer Zustand → Verschleiß → Systemintegration.
Der Reifen überträgt keine Punktkraft – sondern Spannungen über eine Fläche.
Fx, Fy und Fz sind Resultierende einer räumlich verteilten Kontaktzone zwischen Laufstreifen und Fahrbahn. Diese Sicht ist die Basis für Schlupf, Pneumatic Trail und Verschleiß.
1.1 · Resultierende aus Druck und Schubspannung
Mit lokaler Normaldruckverteilung p(x,y) und Schubspannungen τx(x,y), τy(x,y) gilt:
Fz = ∫A p(x,y) dA
Fx = ∫A τx(x,y) dA
Fy = ∫A τy(x,y) dA
Damit ist der Kontaktpatch auch Ursprung von Momenten. Kapitel 07 nutzt eine asymmetrische Seitenkraftverteilung beispielsweise für Pneumatic Trail und Self-aligning Torque.
Fz stützt. Fx beschleunigt oder bremst. Fy krümmt die Bahn.
Die drei Resultierenden erfüllen unterschiedliche Rollen. Erst ihre gemeinsame Betrachtung beschreibt die momentane Belastung des Kontaktpatches.
1.2 · Vertikal
Fz ist die positive Stützlast-Magnitude
Wir verwenden Fz als positive Magnitude der vertikalen Straßenreaktion auf Reifen/Fahrzeug. Die Gegenkraft des Reifens auf die Straße zeigt nach unten.
Fz > 0
Σ Fz,i = m g (quasi-statisch, ohne Aero)
1.3 · Tangential
Resultierende in der Fahrbahnebene
Ft = √(Fx² + Fy²)
μreq = Ft/Fz
μreq ist zunächst nur eine dimensionslose Anforderungsgröße. Er sagt noch nicht, wie ein realer Reifen seine Kraft aus Schlupf, Gummiverformung und Hysterese erzeugt.
1.4 · Naive Baseline
Coulomb-Näherung als Startpunkt
Ft,max ≈ μ Fz
ρμ = Ft/(μFz)
Diese isotrope Grenze ist absichtlich einfach. Sie wird in Kapitel 04 durch Load Sensitivity und in Kapitel 05 durch Combined Slip systematisch relativiert.
Kein universeller Reifen-Reibwert: μ ist hier ein Lehrparameter. Reale Gummikräfte hängen unter anderem von Last, Slip, Temperatur, Druck, Fahrbahntextur und Compound ab.
Kontaktfläche
Flächenproxy nur als Größenordnung
Aeff,proxy ≈ Fz/peff
peff ist bewusst eine effektive Stützdruckgröße, nicht einfach der gemessene Reifenfülldruck. Karkassenspannungen und reale Druckverteilungen verhindern eine exakte Gleichsetzung.
Kapitel 01 · Interaktives Kontaktpatch-Labor
Kraftvektor, μ-Anforderung und Flächenproxy gleichzeitig beobachten.
Das Labor ist absichtlich noch kein Schlupfmodell. Fx und Fy werden als angeforderte Resultierende gesetzt; daraus folgen globale Belastungs- und Flächenproxies.
Fahrbahnebene · Lehrgrenze
Fx/Fy-Vektor gegen μFz-Baseline
Coulomb-Proxy · noch kein Combined-Slip-Modell
Modellgrenze: Ein realer Reifen besitzt keine perfekte Kreisgrenze mit konstantem μ. Dieses Diagramm ist die absichtlich naive Baseline, die Kapitel 02–05 schrittweise durch reale Slip- und Lastabhängigkeiten ersetzt.
Kapitel 01 · 1.5 · Cross-References
Der Kontaktpatch ist die gemeinsame Schnittstelle aller bisherigen Module.
Bremsmoment, Antriebsmoment und Fahrdynamik werden erst über Reifenkräfte zu Straßenkräften. Kapitel 02–08 öffnen schrittweise die internen Zustände und Abhängigkeiten, die diese Kräfte erzeugen.
Modul 01
Radrotation → Umfangsgeschwindigkeit
ω und R liefern die kinematische Basis für den longitudinalen Slip κ in Kapitel 02.
Modul 03
Bremsmoment → Fx
Die Reibbremse erzeugt ein Radmoment; der Kontaktpatch übersetzt dieses in eine longitudinale Straßenkraft.
Modul 04
Fz hinein, Fx/Fy zurück
Lasttransfer bestimmt die Radlast. Der Reifen bestimmt daraus – zusammen mit Slip und Zustand – die tatsächlich verfügbaren Kräfte.
Kapitel 02
Longitudinal Slip
Kapitel 02 ersetzt die vorgegebene Fx-Anforderung erstmals durch einen kinematischen Schlupfzustand κ und eine Fx(κ)-Kennlinie.
Kapitel 02 · 2.1 · Longitudinal Slip
Longitudinalkraft entsteht aus Relativbewegung – nicht aus Raddrehzahl allein.
Kapitel 01 hat Fx als Kontaktpatch-Resultierende behandelt. Kapitel 02 öffnet jetzt die kinematische Ursache: Radumfang und Fahrzeug bewegen sich im Kontakt nicht exakt gleich schnell.
2.1 · Umfangsgeschwindigkeit und Schlupf
Mit effektivem Rollradius Re und Raddrehzahl ω definieren wir zunächst die kinematische Umfangsgeschwindigkeit:
uw = Re ω
Δvx = uw − vx
Für dieses Modul verwenden wir eine symmetrisch normierte Schlupfdefinition:
κ = (Reω − vx) / max(|vx|, |Reω|, vε)
Bei positiver Vorwärtsfahrt gilt damit:
κ = 0 → reines Rollen
κ > 0 → Antriebsschlupf
κ < 0 → Bremsschlupf
ω = 0, vx > 0 → κ ≈ −1
Konventionshinweis: In Literatur und Messsystemen existieren mehrere Slip-Ratio-Definitionen mit unterschiedlichen Nennern und teilweise anderem Vorzeichen. Deshalb muss κ immer zusammen mit seiner Definition gelesen werden. vε regularisiert nur den mathematischen Bereich nahe Stillstand.
Kapitel 02 · 2.2 · Kraftaufbau
Fx(κ) steigt zunächst, erreicht ein Maximum und kann danach in einen Gleitbereich übergehen.
Die reale Kennlinie ist reifen-, last-, temperatur- und oberflächenabhängig. Für das Lernmodell verwenden wir deshalb keine versteckte Magic Formula, sondern eine transparente normierte Kurve.
Kleine |κ|
Elastischer Kraftaufbau
Im Kontaktpatch baut sich eine longitudinale Schubverformung auf. Für kleine Schlupfbeträge kann man lokal näherungsweise schreiben:
Fx ≈ Cκ κ
Cκ ist die longitudinale Slip-Stiffness. Sie ist keine universelle Reifenkonstante.
Maximum
Peak-Slip ist ein Betriebszustand, keine Naturkonstante
Das Lehrmodell verwendet einen einstellbaren Peak bei |κ| = κp. Ein reales Optimum hängt unter anderem von Reifen, Fz, Oberfläche, Temperatur und Geschwindigkeit ab.
|Fx,max| ≈ μp Fz
Große |κ|
Sliding Plateau
Nach dem Peak fällt die modellierte Kraft auf ein Gleitniveau ab. Ein blockiertes Rad besitzt damit weiterhin Reibkraft – sie fällt im Lehrmodell nicht künstlich auf null.
|Fx| → ηslide μp Fz
Vorzeichen
Fx folgt dem Schlupfvorzeichen
κ > 0 → Fx > 0
κ < 0 → Fx < 0
Das ist unsere durchgängige Fahrzeugkoordinate: +Fx wirkt in Fahrtrichtung.
Lehrkennlinie: Bis κp wird eine sinusförmig ansteigende Normierung verwendet; danach fällt sie exponentiell auf ein einstellbares Sliding-Plateau. Diese Form ist bewusst transparent und keine OEM-/Pacejka-Parametrisierung.
Kapitel 02 · 2.3 · Betriebszustände
Rollen, Kraftaufbau, Peak und Lock/Spin sind verschiedene Zustände derselben Kinematik.
Die reine Schlupfzahl beschreibt den kinematischen Zustand; die daraus resultierende Kraft benötigt zusätzlich eine Reifen-/Straßenkennlinie.
Bremsen
Beim Bremsen dreht das Rad relativ zur Fahrzeuggeschwindigkeit zu langsam:
Reω < vx → κ < 0
ω → 0 → κ → −1
Der Übergang zum blockierten Rad ist daher ein kontinuierlicher Schlupfzustand und kein eigener Kraftbegriff.
Cross-Reference · Modul 03: ABS moduliert Bremsdruck, um tiefen Radblockierschlupf zu vermeiden. Es gibt jedoch keinen universellen κ-Wert, der auf jeder Oberfläche immer maximalen Grip garantiert.
Kapitel 02 · Interaktives Longitudinal-Slip-Labor
Raddrehzahl und Fahrzeuggeschwindigkeit gegeneinander verschieben.
Das Labor koppelt die Kinematik κ mit einer transparenten Fx(κ)-Lehrkennlinie. Damit wird erstmals aus einem Reifen-Zustand eine longitudinale Kontaktkraft erzeugt.
Longitudinalkennlinie
Fx über κ
κ = 0
Modellgrenze: Fz, μp, κp und ηslide sind hier unabhängige Lehrparameter. Kapitel 04 wird zeigen, dass reale Reifen ihre effektive Reibwert- und Kennlinienform mit Fz ändern; Kapitel 08 ergänzt Temperatur und Druck.
Kapitel 02 · 2.4 · Cross-References
κ verbindet Radrotation, Bremsen, Antrieb und Reifenmechanik.
Mit Kapitel 02 ist Fx erstmals nicht mehr nur eine angeforderte Kraft, sondern das Resultat eines kinematischen Reifenzustands plus Kennlinie.
Modul 01
ω und Re
Die Radrotation liefert uw = Reω und damit eine Hälfte der Schlupfdefinition.
Modul 03
ABS / Bremsmoment
Das Bremsmoment verändert ω; dadurch wandert der Reifen auf der negativen κ-Seite seiner Longitudinalkennlinie.
Modul 06
Antriebsmoment
Später wird das Antriebsstrangmoment über die Radrotation in positiven κ und damit in Fx rückgekoppelt.
Kapitel 03
Slip Angle & Seitenkraft
Kapitel 03 öffnet die analoge laterale Achse: aus α entsteht Fy. Kapitel 05 koppelt anschließend beide Richtungen in Combined Slip.
Kapitel 03 · 3.1 · Slip Angle & Seitenkraft
Der Reifen kann seitlich Kraft übertragen, obwohl seine lokale Bewegungsrichtung nicht exakt seiner Radebene folgt.
Der reifenlokale Schräglaufwinkel α beschreibt die Winkelabweichung zwischen Radebene und lokaler Geschwindigkeitsrichtung am Reifen. Er ist weder der Fahrzeug-Schräglaufwinkel β noch der Lenkwinkel δ.
3.1 · Reifenlokale Definition
Wir definieren in diesem Modul +xw entlang der Radebene nach vorn und +yw nach links. Der positive Schräglaufwinkel ist
α = ψw − ψv,local
α > 0 ⇒ Radebene zeigt links der lokalen Geschwindigkeitsrichtung
Im kleinen-Winkel-Bicycle-Model aus Modul 04 ergibt sich beispielsweise an der Vorderachse:
αf ≈ δ − β − a r/U
αr ≈ −β + b r/U
Vorzeichenkonvention: Wir verwenden wie Modul 04 Fy = Cαα im linearen Bereich. Literatur mit entgegengesetzter α-Definition schreibt häufig Fy = −Cαα. Entscheidend ist die konsistente Definition.
Reifen · Draufsicht
Radebene, lokale Geschwindigkeit und positive Seitenkraft
schematische Winkelvergrößerung
Kapitel 03 · 3.2 · Cornering Stiffness
Nahe α = 0 ist Seitenkraft zunächst näherungsweise proportional zum Schräglaufwinkel.
Cornering Stiffness ist die lokale Steigung der Seitenkraftkennlinie am Ursprung – keine konstante globale Reifeneigenschaft über beliebig große Winkel.
Linearer Grenzfall
Fy ≈ Cα α
Cα = (∂Fy/∂α)α→0
Bei unserer Vorzeichenkonvention ist Cα positiv. α muss in Radiant eingesetzt werden, wenn Cα in N/rad angegeben wird.
Nichtlinearität
Peak und Sättigung
Mit wachsendem |α| nimmt die Seitenkraft nicht unbegrenzt linear zu. Die Kennlinie krümmt sich, erreicht einen Peak und kann bei weiterem Gleiten auf ein niedrigeres Niveau zurückfallen.
Kapitelgrenze
Noch kein Load-Sensitivity-Modell
Kapitel 03 verwendet weiterhin eine einfache lineare Skalierung mit Fz. Kapitel 04 zeigt anschließend, warum reale Reifen dabei gerade nicht proportional bleiben.
Kapitel 03 · 3.3 · Interaktives Seitenkraft-Labor
Von α zum linearen Cα-Grenzfall und weiter zur Sättigung.
Die Lehrkennlinie ist transparent: sinusförmiger Kraftaufbau bis αp, danach exponentieller Übergang auf ein Sliding-Plateau. Sie ist ausdrücklich keine Magic Formula.
Seitenkraftkennlinie
Fy(α) · linearer Grenzfall vs. nichtlineares Lehrmodell
α → Fᵧ
Lehrmodell: Cα,0 wird hier aus μy,p, Fz und αp abgeleitet. Dadurch skaliert es in diesem Kapitel proportional mit Fz. Genau diese Vereinfachung wird in Kapitel 04 durch reale Load Sensitivity aufgebrochen.
Kapitel 03 · 3.4 · Cross-References
Mit Fx(κ) und Fy(α) sind die beiden Kraftachsen nun getrennt geöffnet.
Kapitel 04 verändert die Lastabhängigkeit; Kapitel 05 koppelt danach beide Richtungen wieder zu Combined Slip.
Modul 04
Bicycle Model
αf und αr entstehen dort aus δ, β und r. Modul 05 liefert nun die zugehörige Reifenkennlinie Fy(α).
Kapitel 02
Longitudinal Slip
κ → Fx und α → Fy sind zunächst getrennte Lehrkennlinien. Diese Trennung ist bewusst nur ein Zwischenzustand.
Kapitel 04
Load Sensitivity
Kapitel 04 bricht die einfache Proportionalität zu Fz auf und erklärt damit, warum Lasttransfer Gesamtgrip kosten kann.
Kapitel 05
Combined Slip
Kapitel 05 lässt Fx und Fy um dieselbe endliche Kontaktpatch-Kapazität konkurrieren.
Kapitel 04 · 4.1 · Load Sensitivity
Mehr Radlast erzeugt mehr absolute Kraft – aber typischerweise weniger Kraft pro Newton Radlast.
Die Coulomb-Baseline aus Kapitel 01 nimmt Fmax ∝ Fz mit konstantem μ an. Reale Reifen zeigen dagegen typischerweise eine sublineare Zunahme der maximalen Kraft mit Fz. Genau diese Nichtlinearität macht Lasttransfer fahrdynamisch relevant.
4.1 · Transparente Lehrkennlinie
Als didaktisches Modell verwenden wir ein Potenzgesetz:
Fpeak(Fz) = μrefFref(Fz/Fref)n
0 < n ≤ 1
Daraus folgt für den effektiven Reibwert:
μeff(Fz) = μref(Fz/Fref)n−1
Damit steigt Fpeak mit Fz. Für n < 1 sinkt dabei μeff; bei n = 1 bleibt μeff konstant und die naive lineare Coulomb-Skalierung kehrt exakt zurück.
4.2 · Konsequenz
Gleiche Achslast ≠ gleiche Achskraftkapazität
Fpair = Fpeak(Fz,in) + Fpeak(Fz,out)
Bei sublinearer Kennlinie ist die Summe zweier ungleich belasteter Reifen kleiner als die Summe zweier gleich belasteter Reifen mit derselben Gesamtlast.
4.3 · Nicht verwechseln
Absolute Kraft und effektiver Reibwert
Ein stärker belasteter Reifen kann absolut mehr Kraft übertragen und gleichzeitig einen kleineren Wert F/Fz besitzen. „μ sinkt“ bedeutet also nicht „der Reifen erzeugt weniger Kraft als zuvor“.
4.4 · Modellgrenze
n ist kein universeller Reifenparameter
Der Exponent bündelt hier nur die Lastsensitivität in einer einzigen transparenten Größe. Reale Kennlinien hängen zusätzlich von Slip, Compound, Temperatur, Druck, Camber und Fahrbahn ab.
Kapitel 04 · Interaktives Load-Sensitivity-Labor
Einzelreifen und Reifenpaar gleichzeitig beobachten.
Links wird die sublineare Fpeak(Fz)-Kennlinie parametrisiert. Rechts zeigt das Labor, wie eine feste Achslast durch ΔFz umverteilt wird und wie sich dadurch die summierte Kraftkapazität verändert.
Peak-Kraft über Radlast
Fpeak(Fz) und μeff(Fz)
sublineare Lehrkennlinie
Interpretation: Das Labor modelliert nur die Lastabhängigkeit der Peak-Kapazität. Kapitel 05 übernimmt diese Kapazität anschließend als gemeinsame Grenze für Fx und Fy.
Kapitel 04 · 4.5 · Cross-References
Lasttransfer ist erst mit Load Sensitivity ein Grip-Thema.
Die Radlastumlagerung selbst vernichtet keine Kraft. Erst die nichtlineare Reifenkennlinie macht aus ungleicher Lastverteilung einen Verlust an summierter Achskraftkapazität.
Modul 04 · Lasttransfer
Fz kommt aus der Fahrdynamik
Kapitel 05 von Modul 04 liefert Fz,in und Fz,out. Hier wird daraus eine lastabhängige Reifen-Kapazität.
Kapitel 03
Cα war bisher proportional zu Fz
Diese Vereinfachung ist jetzt ausdrücklich nur noch Referenz. Reale laterale Peak-Kraft und lokale Steifigkeit können mit Last unterschiedlich skalieren.
Kapitel 05
Combined Slip nutzt diese lastabhängige Grenze
Dort konkurrieren Fx und Fy innerhalb einer durch Fz bereits lastabhängigen Kapazitätsgrenze.
Kapitel 05 · 5.1 · Combined Slip
Längs- und Seitenkraft nutzen dieselbe endliche Kontaktpatch-Kapazität.
Kapitel 02 und 03 haben Fx(κ) und Fy(α) absichtlich getrennt behandelt. Im realen Kontaktpatch entstehen beide Kraftkomponenten jedoch aus demselben verformten Gummivolumen und können deshalb nicht unabhängig bis zu ihren jeweiligen Pure-Slip-Maxima anwachsen.
5.1 · Pure-Slip-Anforderung → gemeinsame Grenze
Zuerst berechnen wir zwei getrennte Kraftanforderungen aus den bisherigen Lehrkennlinien:
Fx,0 = Fx(κ)
Fy,0 = Fy(α)
Die lastabhängigen Pure-Slip-Kapazitäten stammen aus Kapitel 04:
Fx,cap(Fz) = μx,refFref(Fz/Fref)n
Fy,cap(Fz) = μy,refFref(Fz/Fref)n
Combined Slip wird anschließend zunächst als Kapazitätsproblem formuliert. Für n = 1 fällt die Lastskalierung auf die lineare Referenz zurück; für n < 1 entsteht Load Sensitivity.
5.2 · Superellipse
Kreis und Ellipse sind Sonderfälle einer normierten Grenze
ρ = [(|Fx,0|/Fx,cap)p + (|Fy,0|/Fy,cap)p]1/p
p = 2 erzeugt eine Ellipse. Sind Fx,cap und Fy,cap gleich, wird daraus ein Kreis. Andere p-Werte verändern nur die didaktische Form der Grenze.
5.3 · Projektion
Außerhalb der Grenze wird die Anforderung skaliert
s = min(1, 1/ρ)
Fx = sFx,0
Fy = sFy,0
Die Richtung des Kraftanforderungsvektors bleibt in diesem Lehrmodell erhalten; nur seine Magnitude wird auf die verfügbare Grenze reduziert.
5.4 · Interpretation
Trail Braking und Corner Exit sind Kraftaufteilungsprobleme
Beim Bremsen in der Kurve beansprucht negatives Fx einen Teil der verfügbaren Kapazität; beim Beschleunigen am Kurvenausgang positives Fx. Dadurch sinkt die gleichzeitig verfügbare Seitenkraftreserve.
Wichtig: Dieses Modell beschreibt eine geometrische Kapazitätsgrenze. Reale Combined-Slip-Reifenkräfte ändern bereits innerhalb dieser Grenze ihre Kennlinienform und werden später nur mit empirischen/physikalisch reicheren Modellen vollständig erfasst.
Kapitel 05 · Interaktives Combined-Slip-Labor
Pure-Slip-Anforderung und tatsächlich verfügbare Kraft gleichzeitig sehen.
Das Labor koppelt die Lehrkennlinien aus Kapitel 02/03 mit der Load-Sensitivity-Baseline aus Kapitel 04. Es zeigt sowohl den angeforderten als auch den auf die Kapazitätsellipse projizierten Betriebspunkt.
Fx / Fy-Ebene
Pure-Slip-Anforderung und Kapazitätsellipse
Combined-Slip-Lehrgrenze
Feste Lehrparameter der Pure-Slip-Kennlinien: κp = 12 %, αp = 8°, Longitudinal-Sliding-Plateau = 0,82 und Lateral-Sliding-Plateau = 0,82. Fref = 4 kN. Sie dienen ausschließlich dazu, Kapitel 02–04 transparent zu koppeln.
Kapitel 05 · 5.5 · Cross-References
Combined Slip schließt die Kraftseite von Bremse, Kurvenfahrt und Antrieb zusammen.
Die bislang getrennten Lehrpfade werden jetzt erstmals gleichzeitig auf denselben Kontaktpatch angewendet.
Modul 03
Trail Braking
Bremskraft und Seitenkraft konkurrieren um dieselbe Reifenkapazität. Die Reibellipse aus dem Bremsmodul erhält hier ihre Reifenmechanik-Basis.
Modul 04
Fahrdynamik
Die dort berechneten Fx-/Fy-Anforderungen müssen pro Rad innerhalb dieser lastabhängigen Grenze realisierbar sein.
Kapitel 06
Relaxation Length
Kapitel 06 ergänzt die hier noch stationären Fx/Fy-Zielwerte um eine räumlich und zeitlich verzögerte Kraftentstehung.
Kapitel 06 · 6.1 · Relaxation Length
Reifenkraft ist ein Zustand – kein instantaner Funktionswert.
Die statischen Kennlinien aus Kapitel 02–05 liefern einen momentanen Zielwert Fss. Ein realer Reifen erreicht diesen Zielwert nach einer Änderung von κ oder α jedoch erst über eine endliche Verformungsstrecke.
Räumliches Erstordnungsmodell
Die Relaxation Length σ beschreibt im einfachsten Lehrmodell, über welche Wegstrecke sich die aktuelle Kraft F an den statischen Zielwert Fss annähert:
dF/ds = (Fss − F) / σ
dF/dt = U/σ · (Fss − F)
τ = σ/U
Für einen Sprung von F(0)=0 auf konstanten Zielwert Fss folgt:
F(t) = Fss · (1 − e−t/τ)
F(s) = Fss · (1 − e−s/σ)
Nach einer Relaxation Length gilt F/Fss ≈ 0,632; nach etwa 3σ bzw. 3τ sind rund 95 % erreicht.
Kapitel 06 · 6.2 · Zeitkonstante & Phasenlage
Dieselbe σ bedeutet bei anderer Geschwindigkeit eine andere Zeitantwort.
Die räumliche Reifenverformung wird durch die Fahrgeschwindigkeit in eine zeitliche Dynamik übersetzt. Genau dadurch wird Relaxation für Slalom, Lenksprung und Shimmy relevant.
Raum → Zeit
τ = σ/U
Bei gleicher Relaxation Length sinkt die Zeitkonstante mit steigender Geschwindigkeit. Über die Wegstrecke bleibt der charakteristische Aufbau aber unverändert.
F(σ) = 0,632 Fss
t63 = τ = σ/U
t95 ≈ 3τ
Niedriggeschwindigkeitsgrenze: Für U → 0 wird τ = σ/U formal sehr groß. Das Transportmodell verliert dort seine praktische Aussagekraft; quasi-statische Kontaktmechanik und andere Niedriggeschwindigkeitseffekte sind damit nicht beschrieben.
Sinusförmige Anregung
Amplitude sinkt, Phase läuft nach.
Für einen sinusförmigen statischen Zielwert Fss(t) ergibt das Erstordnungsmodell den Übertragungsfaktor:
|H(jω)| = 1 / √(1 + (ωτ)²)
φ = −atan(ωτ)
fc = 1/(2πτ)
Je größer ωτ, desto stärker werden Kraftamplitude und Phase gegenüber der statischen Kennlinie verändert.
Kapitel 06 · Interaktives Relaxation-Lab
Zielkraft und tatsächliche Reifenkraft über der Zeit vergleichen.
Fss repräsentiert den Output der statischen Kennlinie aus Kapitel 02/03/05. Das Labor legt darüber ein lineares Erstordnungs-Relaxationsmodell und isoliert damit ausschließlich den zeitlichen Kraftaufbau.
First-order Tire Response
Zielkraft Fss vs. tatsächliche Kraft F
σ → τ → Phase
Modellgrenze: σ ist kein universeller Reifenparameter. Relaxation Length kann von Last, Schlupf, Geschwindigkeit, Reifenkonstruktion und Betriebszustand abhängen; Längs- und Seitenkraft können unterschiedliche Relaxationsdynamiken besitzen. Das Erstordnungsmodell ist eine lokale Systemapproximation.
Kapitel 06 · 6.3 · Cross-References
Relaxation schließt die Zeitachse zwischen Reifen und Fahrdynamik.
Die statische Reifenkennlinie sagt, welche Kraft ein Zustand anstrebt. Relaxation bestimmt, wann diese Kraft tatsächlich verfügbar ist.
Modul 04 · Kapitel 09
Lenksprung und Slalom
Das Bicycle Model aus Modul 04 setzte Fy bislang instantan aus α. Mit Relaxation entsteht zusätzlicher Reifen-Phasenverzug zwischen Slip Angle und Seitenkraft.
Modul 04 · Kapitel 07
Shimmy
Reifenrelaxation erzeugt eine frequenzabhängige Phasenverschiebung innerhalb des Lenk-/Reifenkraft-Regelkreises. Sie kann deshalb die Stabilität einer gekoppelten Schwingungsmode beeinflussen.
Kapitel 07
Camber & Aligning Moment
Kapitel 07 ergänzt neben Fx/Fy weitere Reifenoutputs: Camber Thrust, Pneumatic Trail und Self-aligning Torque Mz.
Seitenkraft entsteht nicht nur aus Schräglauf – und sie greift nicht zwingend im geometrischen Radzentrum an.
Kapitel 03 hat α → Fy geöffnet. Kapitel 07 ergänzt den Sturzwinkel γ als zweiten lateralen Eingang und führt mit dem pneumatischen Nachlauf tp erstmals ein Reifenmoment Mz ein.
7.1 · Drei Größen strikt trennen
α = Schräglaufwinkel der Radebene relativ zur lokalen Bewegungsrichtung
γ = Sturzwinkel der Radebene relativ zur Fahrbahnnormalen
Mz = Reifen-Selbstrückstellmoment um die Kontaktpatch-Hochachse
Für dieses Kapitel gilt: positives γ bedeutet, dass die Radoberkante nach +yw geneigt ist. Im lokalen linearen Lehrbereich setzen wir
Fy,α = Cα α
Fy,γ = Cγ γ
Fy,lin = Cαα + Cγγ
Cγ ist die lokale Camber-Stiffness. Die Vorzeichenkonvention ist analog zu Kapitel 03 gewählt: positive Winkel erzeugen im linearen Lehrmodell positive Seitenkraft.
Vorzeichenhinweis: Reifenliteratur nutzt unterschiedliche Achs- und Camberkonventionen. Hier gilt durchgehend die Modulkonvention +y nach links und +Mz gegen den Uhrzeigersinn bei Draufsicht entlang +z. Daher erzeugt +Fy bei positivem tp im Lehrbild ein negatives rückstellendes Mz.
Kapitel 07 · 7.2 · Pneumatic Trail
Mit wachsender lateraler Ausnutzung kann der wirksame Kraftangriffspunkt nach vorn wandern.
Das Self-aligning Torque wächst deshalb nicht unbegrenzt mit Fy. Ein Reifen kann hohe Seitenkraft erzeugen, während sein Rückstellmoment bereits wieder abnimmt.
Transparenter Trail-Proxy
tp kollabiert nahe Sättigung
Als Lehrmodell koppeln wir den pneumatischen Nachlauf an die normierte Seitenkraftausnutzung ρy:
ρy = |Fy| / (μyFz)
tp = tp,0 · max(0, 1 − ρyq)
Mz = −tpFy
q ist hier ein fester Formparameter des Lehrmodells. Reale tp-Verläufe sind reifen-, last- und zustandsabhängig.
Lenkgefühl
Peak Fy und Peak |Mz| liegen nicht zwingend zusammen
Weil tp mit zunehmender Ausnutzung abnimmt, kann das Aligning Moment bereits zurückgehen, obwohl Fy weiter wächst. Das ist ein wichtiger mechanischer Grund, warum Lenkmoment nicht einfach proportional zur Seitenkraft ist.
Modellgrenze
Kein vollständiges Momentenmodell
Das Lehrmodell behandelt die gesamte modellierte Seitenkraft mit einem gemeinsamen effektiven tp. Reale Camber-Thrust- und Slip-Angle-Anteile müssen nicht denselben Kraftangriffspunkt besitzen. Zusätzlich bildet das Modell weder Overturning Moment, Conicity, Ply Steer noch mögliche Vorzeichenwechsel von Mz nahe hohen Slip-Zuständen ab.
Kapitel 07 · Interaktives Camber/Mz-Lab
Slip-Anteil, Camber Thrust und rückstellendes Reifenmoment getrennt beobachten.
Das Labor verwendet lokal lineare Steifigkeiten für α und γ, eine transparente weiche Kraftsättigung und einen abfallenden pneumatischen Nachlauf. Es ist ein Lehrmodell, kein empirischer Reifenfit.
Seitenkraft & Aligning Moment
Fy(α,γ) und Mz(α,γ)
lokales Lehrmodell
Wichtig: Cα und Cγ werden hier als lokale Lehrsteifigkeiten vorgegeben. Die weiche Sättigung verwendet bewusst nur den lokalen Proxy μyFz, um Camber und Mz zu isolieren; die Load-Sensitivity aus Kapitel 04 und die Combined-Slip-Kopplung aus Kapitel 05 werden in diesem Labor nicht erneut eingerechnet. Kapitel 08 zeigt zusätzlich die Abhängigkeit von Temperatur und Fülldruck.
Kapitel 07 · 7.3 · Cross-References
Camber und Mz verbinden Reifenmechanik mit Lenkung und Radführung.
Die Reifen-Schnittstelle liefert nun nicht nur Fx und Fy, sondern auch ein Moment um die Hochachse des Kontaktpatches.
Modul 04
Bicycle Model & Shimmy
Das dortige Fahrzeugmodell nutzt Fy; Kapitel 07 ergänzt einen reifenlokalen Momentenpfad. Pneumatic Trail und Relaxation können gemeinsam Phasenlage und Rückstellverhalten der Lenkung beeinflussen.
Modul 07 · Fahrwerk
Camber Gain & mechanischer Nachlauf
Später wird die Radführung bestimmen, wie γ mit Roll, Hub und Lenkwinkel entsteht. Mechanischer Nachlauf der Lenkachse wird dort getrennt vom pneumatischen Reifen-Nachlauf behandelt.
Kapitel 08
Temperatur & Druck
Kapitel 08 öffnet den Betriebszustand des Reifens und zeigt, warum Steifigkeiten, Gripniveau und Kontaktpatch nicht als konstante Größen betrachtet werden dürfen.
Kapitel 08 · 8.1 · Temperatur & Druck
Der Reifen besitzt keinen einzelnen Temperatur- oder Druckzustand.
Grip, Steifigkeit und Kontaktpatch hängen vom thermomechanischen Betriebszustand ab. Entscheidend ist aber die Trennung der Zustandsgrößen: Lauffläche, Karkasse, eingeschlossenes Gas und Felge können gleichzeitig deutlich unterschiedliche Temperaturen besitzen.
8.1 · Mehrere thermische Speicher
Ein Reifen ist ein gekoppeltes thermisches System. Für eine saubere Beschreibung müssen mindestens folgende Zustände unterschieden werden:
Ttread ≠ Tcarcass ≠ Tgas ≠ Trim
Oberflächentemperatur reagiert schnell auf Slip und Fahrbahnkontakt; Karkasse und Gas besitzen andere Zeitkonstanten. Ein einzelner Temperaturwert ist daher immer eine Messort- und Zeitangabe.
Kapitel 08 · 8.2 · Gasdruck
Druckanstieg durch Erwärmung: absolute Größen verwenden.
Als erste Baseline behandeln wir die eingeschlossene Luft als ideales Gas bei konstantem Volumen. Das ist nützlich für Größenordnungen, aber noch kein vollständiges Reifenmodell.
Idealgas-Baseline
Kelvin und Absolutdruck
pabs,1/T1 = pabs,0/T0
pabs,1 = pabs,0 · T1/T0
pgauge = pabs − patm
Mit °C direkt oder mit bloßem Manometerdruck zu rechnen wäre dimensionsphysikalisch falsch.
Reale Abweichungen
Volumen ist nicht exakt konstant
Karkassenverformung, Felgentemperatur, Feuchte, Gaszusammensetzung, Leckage und dynamische Volumenänderungen verschieben die reale Druckentwicklung. Die Idealgasrechnung bleibt deshalb eine Baseline.
Nicht verwechseln
Fülldruck ≠ mittlerer Kontaktpatchdruck
Die Karkasse trägt selbst Last und verteilt Spannungen. Ein Kontaktflächenmodell A≈Fz/p ist deshalb höchstens ein grober Proxy und keine geometrische Reifenformel.
Kapitel 08 · 8.3 · Betriebsfenster
„Optimal“ ist kein universeller Temperatur- oder Druckwert.
Compound, Konstruktion, Last, Fahrbahn, Fahrstil und Messort bestimmen das reale Betriebsfenster. Das Kapitel verwendet deshalb nur frei parametrierbare normierte Lehrfaktoren.
Temperaturfaktor
Normierter Fenster-Proxy
gT = exp[−½((T−Tref)/wT)²]
Tref und wT sind Lehrparameter. Die Funktion behauptet keine reale Compound-Kennlinie, sondern macht die Idee eines endlichen Betriebsfensters sichtbar.
Druckfaktor
Abweichung von einer gewählten Referenz
gp = exp[−½((pgauge−pref)/wp)²]
Auch pref und wp sind keine universellen Reifenwerte. Hier bezieht sich p auf den warmen Manometer-/Fülldruck; die lokale Kontaktpressung p(x,y) aus Kapitel 01 ist eine andere Größe.
Kombinierter Zustand
Nur didaktische Skalierung
gstate = gTgp
Fpeak,proxy = μrefFzgstate
Diese Multiplikation ist bewusst einfach und darf nicht als reale Reifen-Kennfunktion interpretiert werden. Fpeak,proxy ist hier nur ein lokaler Zustandsproxy auf Basis μrefFz; die Load-Sensitivity aus Kapitel 04 und Combined Slip aus Kapitel 05 bleiben separate Modellschichten.
Kapitel 08 · Interaktives Thermo-/Pressure-Lab
Gasdruck-Baseline und normierte Betriebsfenster getrennt beobachten.
Das Labor koppelt eine ideale Druckrechnung mit frei gewählten Temperatur-/Druckfenstern. Die beiden Ebenen bleiben sichtbar getrennt: Thermodynamische Baseline einerseits, Reifenkennlinien-Proxy andererseits.
Normierte Zustandsfenster
gT(T) und gp(p)
Lehrproxy
Modellgrenze: Die Gasdruckrechnung ist eine Idealgas-/Konstantvolumen-Baseline. gT, gp, Kontaktflächen- und Steifigkeitsfaktoren sind ausschließlich normierte Lehrproxies. Es gibt hier weder einen universellen Zielwert noch eine reale Reifenfreigabe.
Kapitel 08 · 8.4 · Cross-References
Temperatur und Druck sind Zustandsvariablen, keine isolierten Stellschrauben.
Die bisherigen Kennlinienparameter werden nun erstmals als zustandsabhängig verstanden. Kapitel 09 ergänzt anschließend die Energiepfade, aus denen Temperaturentwicklung, Hysterese und Verschleiß hervorgehen.
Kapitel 02–07
Kennlinienparameter werden zu Funktionen des Zustands
μpeak, Cκ, Cα, Cγ, σ und tp dürfen real nicht als vollkommen konstante Größen verstanden werden.
Kapitel 09
Verschleiß & Hysterese ergänzt die Energiehistorie
Kapitel 09 öffnet die Energieumwandlung: Slip, zyklische Gummiverformung und Rollarbeit erzeugen Verlustleistung, Wärme und eine verschleißrelevante Nutzungsexposition.
Modul 10 · Messung
Messort und Sensorik werden später entscheidend
Laufflächen-, Innenluft- und Felgentemperatur sind unterschiedliche Messgrößen. Dasselbe gilt für kalten und warmen Reifendruck.
Kapitel 09 · 9.1 · Verschleiß, Energie & Hysterese
Nicht jede Verlustenergie ist Verschleiß – und nicht jeder Verschleißpfad ist reine Gleitreibung.
Kapitel 08 hat Temperatur als Zustand geöffnet. Kapitel 09 fragt nun nach den Energiepfaden, die diesen Zustand verändern: zyklische viskoelastische Deformation, Rolling Resistance, partielle/grobe Schlupfverluste und die daraus kumulierte mechanische Historie.
9.1 · Mechanische Verlustleistung
Für die reine Rollverlust-Baseline verwenden wir:
Frr = Crr Fz
Prr = Frr U
Rolling Resistance entsteht dabei wesentlich aus zyklischer Verformung und viskoelastischer Hysterese. Sie benötigt keinen makroskopisch blockierenden Reifen.
Für Schlupf definieren wir zusätzlich einen kinematischen Slip-Work-Proxy:
Pslip* = |Fx|vslip,x + |Fy|vslip,y
Pslip,loss = χslip Pslip*
χslip ist ein Lehrparameter. Er verhindert die falsche Gleichsetzung von Kraft × kinematischer Relativgeschwindigkeit mit der exakten internen Kontaktpatch-Dissipation eines deformierbaren Reifens.
Kapitel 09 · 9.2 · Hysterese
Elastische Energie kehrt zurück; die Hystereseschleife wird zu Wärme.
Gummi ist viskoelastisch. Bei zyklischer Belastung sind Spannung und Dehnung phasenverschoben. Die eingeschlossene Fläche der Spannungs-Dehnungs-Schleife repräsentiert dissipierte Energie pro Volumen und Zyklus.
Die Schleifenfläche ist Verlust, nicht Gesamtverformungsarbeit.
whyst,cycle = ∮ σ dε
Ein Teil der in den Reifen eingebrachten Deformationsenergie wird elastisch zurückgegeben. Nur der hysteresebehaftete Anteil erhöht die innere Energie bzw. wird als Wärme abgeführt.
Verschleiß
Abrieb ist material- und oberflächenabhängig.
Materialabtrag hängt unter anderem von Compound, Temperatur, Straßenrauheit, Kontaktspannungen, Schlupfzustand und Historie ab. Deshalb wird hier keine universelle mm/km- oder g/km-Gleichung erfunden.
Kapitel 09 · 9.3 · Historie
Leistung ist momentan; Verschleißrelevanz ist kumulativ.
Ein Reifen „erinnert“ sich nicht über eine einzelne Leistungsspitze, sondern über die akkumulierte mechanisch-thermische Exposition. Deshalb führen wir Energieintegrale statt eines erfundenen Verschleißprozentsatzes.
Gesamte Verlustenergie
Energie-Historie
HE(t) = ∫ Ploss dt
Ploss = Prr + Pslip,loss
HE ist eine Energiebilanz. Sie sagt noch nicht, welcher Anteil im Reifen verbleibt, an Straße/Luft abgegeben wird oder zu Materialabtrag beiträgt.
Slip-Exposition
Abriebsnaher, aber kein Wear-Maßstab
Hslip(t) = ∫ Pslip,loss dt
Hslip isoliert eine mechanische Exposition, die bei starken Slipzuständen verschleißrelevant sein kann. Sie darf nicht direkt als verlorene Gummimasse interpretiert werden.
Thermischer Proxy
No-Cooling-Bulk-Proxy
ΔTproxy = ηret HE /(mtire ceff)
ηret ist ein Lehrparameter für den im Reifen verbleibenden Energieanteil. Der Proxy ignoriert die zeitliche Wärmeabfuhr und ist keine reale Temperaturfeldsimulation.
Kapitel 09 · Interaktives Energy-/History-Lab
Momentane Verlustleistung und kumulierte Exposition getrennt beobachten.
Das Labor ist ein konstanter Snapshot über ein frei gewähltes Zeitintervall. Es zeigt Rolling Resistance, einen transparenten Slip-Work-Proxy, Gesamtenergie und einen thermischen Upper-Bound-Proxy – nicht reale Materialabtragsraten.
Leistung & Historie
Verlustkanäle und kumulierte Energie
Lehrbilanz
Modellgrenze: Rolling Resistance wird mit CrrFzU angenähert. Die Slip-Kanäle sind explizite kinematische Lehrproxies mit χslip; ΔTproxy ist ein No-Cooling-Bulk-Proxy mit frei gewähltem retained-energy-Anteil. Keine dieser Größen ist eine reale Wear-Rate oder Compound-Kalibrierung.
Kapitel 09 · 9.4 · Cross-References
Energie verbindet Zustand, Nutzung und Historie.
Kapitel 09 schließt die bisher getrennten Kräfte und Zustände erstmals über Verlustleistung und Energieexposition zusammen. Kapitel 10 kann diese Größen anschließend in einer gemeinsamen Reifen-Kennbeziehung verorten.
Kapitel 08
Temperatur ist Ergebnis und Rückkopplung
Verlustenergie kann den thermischen Zustand verändern; dieser verändert wiederum die Reifenkennlinien. Damit entsteht ein langsamerer State/History-Feedback-Loop.
Kapitel 02–05
Slip erzeugt nicht nur Kraft
κ, α und Combined Slip bestimmen Kraftzustände; bei partieller oder grober Relativbewegung entstehen zusätzlich Verlustenergie und potenziell erhöhte Abrasionsexposition.
Kapitel 10
Systemintegration
Die finale Reifen-Schnittstelle muss neben Fx, Fy und Mz auch Zustands- und Historiengrößen als Parameter bzw. langsame Zustände behandeln.
Kapitel 10 · 10.1 · Reifen als Fahrzeugschnittstelle
Alle bisherigen Reifenpfade werden zu einer transparenten Kennschnittstelle geschlossen.
Die Reifen-Fahrzeugschnittstelle ist kein einzelner Reibwert. Sie verbindet Kinematik, Last, thermischen Zustand, Dynamik und langsamere Historiengrößen mit den drei resultierenden Kontaktgrößen Fx, Fy und Mz.
Die Kapitel 01–09 haben diese Argumente bewusst isoliert geöffnet. Kapitel 10 ordnet sie nun als Schichten: Kinematik → last- und zustandsabhängige Pure-Slip-/Camber-Kräfte → Combined Slip → Relaxation → Aligning Moment → Historie.
Wichtig: History wird mitgeführt, aber ohne empirische Degradationskennlinie nicht künstlich auf Grip oder Mz zurückgerechnet. Das Interface zeigt also bewusst auch seine offene Modellgrenze.
Kapitel 10 · 10.2 · Schichtenmodell
Nicht jede Einflussgröße wirkt auf derselben Zeitskala.
Die Synthese bleibt übersichtlich, wenn schnelle kinematische Zustände, mittlere thermische Zustände und langsame Historiengrößen getrennt geführt werden.
Schnell
κ, α, γ, Fz
Bestimmen momentane Pure-Slip-/Camber-Anforderungen und die verfügbare lastabhängige Kapazität.
Dynamisch
σ und τ
Bestimmen, wie schnell die stationäre Zielkraft tatsächlich aufgebaut wird.
Zustand
T und pinfl
Modifizieren Kennlinienparameter und Kapazitätsfenster; keine universellen Optima.
Langsam
HE, Hslip, Wear
Beschreiben Nutzungshistorie. Ohne empirische Materialkennlinie bleiben sie Zustände, keine erfundenen Grip-Multiplikatoren.
Kapitel 10 · 10.3 · Systemkarte
Von Eingangsgrößen zu Kontaktkräften und zurück zum Fahrzeug.
Die Systemgrafik zeigt die Reihenfolge der Modellschichten und markiert die Historienrückkopplung bewusst als offen.
Kapitel 10 · Interaktiver Interface-Explorer
Alle Modellschichten an einem Reifen-Betriebspunkt zusammenführen.
Das Labor ist ein transparenter Snapshot. Es verwendet die Lehrbeziehungen der vorherigen Kapitel, keine versteckte Magic Formula. Die festen Referenzparameter des Synthesemodells sind direkt unter dem Labor ausgewiesen.
Layered tire interface
Input → Capacity → Combined → Relaxed Output
transparentes Lehrsystem
Feste Lehrreferenzen dieses Synthese-Explorers: Fref = 4 kN, n = 0,90, μx,ref = 1,10, μy,ref = 1,05, κp = 12 %, αp = 8°, ηslide = 0,82, Superellipse p = 2, Cγ = 12 kN/rad, tp,0 = 65 mm, q = 1,6, Tref = 80 °C, wT = 25 K, pinfl,ref = 2,40 bar(g), wp = 0,35 bar. Dynamik: ein gemeinsames σ für Fx/Fy und ein Kraftsprung ab F(0)=0 werden angenommen. Camber Stiffness Cγ bleibt im Snapshot konstant; gstate skaliert die Peak-Kapazitäten. Modellgrenze: keine empirisch identifizierte Reifen-Datenbank oder Magic-Formula-Implementierung; Hslip bleibt ohne direkten Degradationsfaktor.
Kapitel 10 · 10.4 · Cross-References
Der Reifen ist jetzt eine definierte Systemschnittstelle statt eines abstrakten μ-Blocks.
Die nächsten Module können auf diese Schnittstelle zurückgreifen, ohne Reifenphysik jedes Mal neu zu erfinden.
Modul 04
Fahrdynamik
Fz,i, κ, α und γ werden zu Fx,i, Fy,i, Mz,i und schließen Kraft-/Momentenbilanzen.
Modul 06
Antriebsstrang
Raddrehmoment erzeugt κ; der Reifen übersetzt dieses in longitudinale Zugkraft Fx.
Modul 07
Fahrwerk
Camber, Toe, Radlast und Radführung verändern die Reifen-Eingangsgrößen und damit die Kontaktkräfte.
Modul 10
Messung & Diagnose
Reifenzustände sind nur teilweise direkt messbar; viele Größen müssen aus Raddrehzahl, IMU, Lenkwinkel, Druck und Temperatur geschätzt werden.
Modulstand · Revision 1.9.1
Modul 05 schließt den Reifen von der Kontaktspannung bis zur Fahrzeugschnittstelle.
Die zehn Kapitel bilden jetzt eine durchgehende Kette von Grundkräften über Slip, Last, Combined Slip, Relaxation, Camber, thermischen Zustand und Historie bis zur transparenten Kennschnittstelle.
Transfer Kapitel 01–10
Kontakt: Fx, Fy, Fz sind Resultierende verteilter Spannungen.
Longitudinal: κ → Fx.
Lateral: α → Fy.
Last: Fz → sublineare Peak-Kapazität und μeff.
Combined Slip: Fx und Fy teilen eine gemeinsame Kapazität.
Dynamik: σ → τ → verzögerter Kraftaufbau.
Camber/Mz: γ und tp ergänzen Seitenkraft und Rückstellmoment.
Zustand: T und pinfl verändern Kennlinienparameter.
Historie: HE und Hslip halten Nutzungsexposition getrennt von momentanen Kräften.
System: 𝒯 verbindet alle Ebenen mit Modul 04 und den Folgemodulen.